Translated by Philipp Schwarz

 

Seit zehn Jahren führe ich einen typischen Projektmanager-Alltag: hart arbeiten, konzentriert sein, kundenorientiert handeln – und zwar mit absoluter Hingabe zu meinem Job. 

Ich habe meine Arbeit immer geliebt – so wie ich es auch jetzt tue – und konnte Stunden damit verbringen, E-Mails zu beantworten, Lösungen zu finden, Anrufe zu tätigen und Fehler zu beheben und dabei kaum Luft zu schnappen – wie ein Taucher.

Wenn ein Übersetzer zu spät lieferte, ein Korrekturleser einen Fehler übersah oder das DTP nicht den Anforderungen entsprach, fühlte ich mich verantwortlich dafür. Schlechte Dateienvorbereitung oder Missverständnisse verlangsamten die Prozesse und fielen auf mich zurück.

 

Article Marie-Sophie1

 

 

 

 

 

 

 

Das Scheitern des Voynich-Übersetzungsprojekts ist mein schändliches wohlgehütetes Geheimnis.

 

Da ich Wert für mein Unternehmen schaffen wollte und meinen Kunden den Service bieten wollte, den sie verdienten, arbeitete ich noch härter und überprüfte alles doppelt und dreifach. Ich ging nicht eher nach Hause, bis jedes T einen geraden Strich erhalten hatte und jeder i-Punkt ein makelloser Kreis war.

Mein Hauptziel war es doch, den neuen Tag ohne Altlasten vom Vortag (und überquellenden Posteingang) zu beginnen. Ich konnte mich immer später von meinem Schreibtisch losreißen.

Aus mir war der Sisyphos des 21. Jahrhunderts geworden! Jeden Morgen kletterte ich mit meinem Arbeitspensum zum Berggipfel und hoffte, mich nach getaner Arbeit in der Gunst meiner zufriedenen Kunden sonnen zu können.

Ich hatte mich in der Projektspirale verirrt, bis ein Kollege zu mir sagte: „Du bist doch kein Hirnchirurg!”

Was sollte das nun heißen? War das eine Beleidigung? Hatte meine Arbeit etwa gar keine Bedeutung? Sollte jeder Doktor McDreamy besser sein als ein Projektmanager?

 

Article Marie-Sophie2

 

 

[„Na, da hat mal jemand einen Fehler gemacht! Sie wollten sich wohl eher die Lippen aufspritzen und Fett in den Hüften absaugen lassen, nicht wahr?“]

Da hättest du lieber nochmal einen Korrekturleser drüber schauen lassen sollen, McDreamy.

 

Natürlich nicht! Aber der Kollege hatte schon irgendwo Recht: Beim Übersetzen geht es nicht (direkt) um Leben und Tod. Ab einem bestimmten Zeitpunkt können E-Mails, Projekte und Berichte warten. Außerdem kann man sich nach einem angenehmen Abend mit Freunden oder einem erholsamen Schlaf viel effizienter darum kümmern.

Wie konnte ich also mein ausgeglichenes Leben wiederbekommen? Ich suchte in meinem Umfeld nach einer Eingebung und fragte meine Kollegen nach Rat (Sie wissen schon, diese stets strahlenden Zeitgenossen, die die Überflieger bei der Arbeit sind und trotzdem noch Energie für Ballettstunden, zum Züchten von Ponys mit flauschigen Flügeln und zum Unterrichten von mehrsprachigen Scrabble-Klassen haben). In der folgenden Liste teile ich ihre Weisheit in verkürzter Form mit Ihnen:

 

Steuere wie ein Formel-1-Sieger

Denken Sie schnell, finden Sie Lösungen in Echtzeit und passen Sie sich unvorhersehbaren Gegebenheiten an. Der Hund des Übersetzers hat dessen Übersetzung gefressen? Kein Problem. Wozu gibt’s Brechmittel?

Denke wie ein Jogi

Seien Sie aufgeschlossen, auf alles gefasst und bewahren Sie Ruhe. Das Projektmanagement ist wie eine Pralinenschachtel: Sie können sich nicht die Rosinen rauspicken, also sollten Sie nicht versuchen, alles zu kontrollieren!

Sprich wie Obama

Befolgen Sie die Maxime des besten Redners der Welt: Hören Sie gut zu, seien Sie ehrlich und bewahren Sie mit einem Tick Selbstironie die Fassung. „Sie fragen mich nach meiner größten Stärke? Bescheidenheit! Meine größte Schwäche ist, dass ich wohl ein wenig zu toll für diese Welt bin.“ (Barack Obama)

Geh Dinge wie ein Kind an

Haben Sie Spaß und versuchen Sie es so oft, bis Sie den richtigen Ansatz heraushaben. Diese Dateien können von Ihrem bevorzugten CAT-Tool nicht verarbeitet werden? Vielleicht sollten Sie es diesmal dann mit einem anderen probieren.

Agiere wie ein Fußballspieler

Sie sind Teil eines Teams, das heißt, dass Sie das Arbeitspensum aufteilen, den Ball abgeben und den anderen in Ihrer Mannschaft helfen können. So ist Erfolg garantiert, und Sie spüren Genugtuung dank des Gruppensynergieeffekts.

Versuch nicht, Shiva zu sein …

Obwohl Sie wie jeder nur ein Gehirn und zwei Hände haben, möchten Sie Shiva sein. Alle sagen, dass ein guter PM zwangsläufig ein multitaskingfähiges Wesen sein muss. Und doch sind Sie effizienter, wenn Sie eine Aufgabe nach der anderen ohne Unterbrechungen erledigen.

… doch sei dein eigener Engel

Und zu guter Letzt: Gehen Sie nicht zu schwer mit sich ins Gericht. Geben Sie Ihr Bestes, arbeiten Sie hart und kosten Sie das Leben trotzdem richtig aus! Leichter gesagt als getan, doch Sie haben immer die Wahl. Gehen Sie an die frische Luft, treiben Sie Sport, treffen Sie Leute und genießen Sie das Leben! Dank all dieser schönen Erfahrungen können Sie abschalten und die unsichtbaren PM-Muskeln dehnen.